Driesen, Albrecht: Das Spiegel-Bild in Erzählungen E. T. A. Hoffmanns : Poetologie eines literarischen Spiegelkabinetts / Albrecht Driesen
Taunusstein : Driesen, 2. Aufl. 2011. - 104 S. : Ill. ; 19 cm. Zugl.: Frankfurt (Main); Universität, Magisterarbeit, 1997. ISBN 978-3-86866-016-6 kart., EUR 12,00
Spiegel-Bilder spielen als Motive in der Erzählkunst E.T.A. Hoffmanns eine zentrale Rolle. Sie entstammen ebenso der mittelalterlich mystischen Tradition wie der Rationalität neuzeitlicher Physik; daneben freilich auch den allem Verstandeskalkül und allem Vernunftglauben abholden Untiefen des Okkultismus und des Aberglaubens. In der nachaufklärerischen Romantik ist die ganze Spannweite des Motivs anzutreffen. Albrecht Driesen verfolgt die Poetologie des Spiegelkabinetts in E.T.A. Hoffmanns Erzählungen »Der goldne Topf«, »Die Abenteuer der Silvesternacht« (Fantasiestücke in Callots Manier) und »Prinzessin Brambilla.« Der Autor veranschaulicht die vielschichtig »reflektierende Metapher« im Hinblick auf die Selbsterkenntnis aus dem Bewußtwerden der transzendentalen und absoluten Differenz, das daraus resultierende Versöhnungspostulat in bezug auf den aufgegebenen Beziehungssinn von Subjekt und Objekt, Freiheit und Natur, Begriff und Anschauung sowie Glauben und Wissen in menschheitsgeschichtlicher Perspektive und schließlich – mit Bezug zur »ebenbildlichen Differenz« – das Verhältnis von Gott und Mensch in heilsgeschichtlicher Dimension. Der Autor: Jahrgang 1963; Abitur; Ausbildung zum Sortimentsbuchhändler; Studium der Germanistik, Kunstgeschichte und Politologie; Magister Artium; Doktorand am Institut für Deutsche Sprache und Literatur II der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Albrecht Driesen lebt und arbeitet als Schriftsteller, Journalist, Lektor und Scriptconsultant in der Nähe von Wiesbaden. Vorwort Die vorliegende Arbeit wurde im Februar 1997 von der Philosophischen Promotionskommission der Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt am Main, als Magisterarbeit angenommen. Sie ist erstmalig 1997 in der Edition Kletsmeier und 1999 ein weiteres Mal im Selbstverlag als Book on Demand erschienen. Die durch diese Publikationen sowie meine langjährige Tätigkeit als Lektor für das wissenschaftliche Buchprogramm des Gabler Verlags und des Deutschen Universitäts-Verlags gewonnenen Erfahrungen mündeten inzwischen in den Aufbau eines eigenen Wissenschaftsverlages, in dem diese Arbeit nun zum dritten Mal erscheint. Mein besonderer Dank gilt dem Betreuer meiner Magisterarbeit, Herrn Prof. Dr. Dieter Kimpel, Institut für Deutsche Sprache und Literatur II, der die Bearbeitung dieses komplexen Themas befürwortet hat. Durch zahlreiche Diskussionen und seine konstruktive Kritik war er mir eine unersetzliche Unterstützung. In meinen Dank möchte ich auch Herrn Dr. Thomas Meder und Herrn Prof. Dr. Klaus Herding, beide Kunstgeschichtliches Institut, einschließen, von denen ich während meines Studiums – neben Professor Kimpel – am meisten profitiert habe. Nicht vergessen möchte ich, die überaus großzügige finanzielle, logistische und mentale Unterstützung durch meine Eltern, Marianne Driesen und Dr. rer. nat. Horst Hilmar Driesen, dankend zu erwähnen. Sie haben in der Examensphase »die Bürde des Gemeinen«, die im »Goldnen Topf« dem Studenten Anselmus so sehr zu schaffen macht, von meinen Schultern genommen und mir dadurch die Möglichkeit gegeben, meine gesamte Aufmerksamkeit dem Thema dieser Arbeit zu schenken. Taunusstein, im Februar 2004 Albrecht Driesen Aus dem Inhalt Vorwort Inhaltsverzeichnis Abbildungsverzeichnis Motto Zum Thema und zur Methode Spiegel-Bilder im »Goldnen Topf« Der Türklopfer des Archivarius Lindhorst. Der smaragdene Spiegel des Archivarius Lindhorst. Der Zauberspiegel der alten Liese Der goldne Topf Spiegel-Bilder in den »Abenteuern der Silvesternacht« Erasmus Spikher - Das Spiegelbild des reisenden Enthusiasten Die Geschichte vom verlornen Spiegelbilde Spiegel-Bilder in »Prinzessin Brambilla« Die Kutsche mit den Spiegelfenstern Der Urdarsee Augenspiegel und »chronischer Dualismus« Zusammenfassung. Literaturverzeichnis Personen-, Orts- und Sachverzeichnis Abbildungsverzeichnis Abb. 1: Bonaventura Genelli (*1789 †1868), Karikatur Kaulbachs vor dem Spiegel Abb. 2: »Das bronzierte Äpfelweib«, Türdrücker an dem Anwesen Eisgrube 14 (17) in Bamberg Abb. 3: »Glänzend und kugelrund«, Konvexspiegel aus Stahl, um 1600 Abb. 4: Daniel Hopfer (*1470 †1536), Vanitas (Tod und Teufel erscheinen der eitlen Schönen im Spiegel). Holzschnitt Abb. 5: Vanitas (Der Teufel im Spiegel des eitlen Mädchens), Holzschnitt aus dem »Ritter von Turn«. Basel, 1493*) Abb. 6: Alfred Kubin (*1877 †1959) Illustration zu Jean Paul, »Die wunderbare Gesellschaft der Neujahrsnacht« Abb. 7: Frans von Mieris (*1635 †1681), Dame vor dem Spiegel Abb. 8: Adolf Oberländer (*1845 †1923), Affe mit Spiegel Abb. 9: Johann Erdmann Hummel (*1769 †1852), Modemagazin in der Ecke der Schloßfreiheit Zum Thema und zur Methode »Daß dem Sp.[iegel] auf der ganzen Welt zu allen Zeiten besondere Kräfte zugeschrieben wurden, läßt sich auf wenige einfache Erlebnistatsachen zurückführen. Der Sp. zeigt alles seitenverkehrt, das legt dem naiven Betrachter die Vermutung nahe, hier könne es nicht mit rechten Dingen zugehen, und schafft bereits die für alles andere grundlegende ›numinose‹ Situation; der ungedeckte Rücken verstärkt oft das Angstgefühl [...]. Der Beschauer sieht im Sp., was hinter ihm ist, der Sp. scheint also mehr zu sehen als er selbst sehen kann [...]. Der Sp. zeigt vor allem dem Beschauer sein eigenes Bild; anfänglich unerkannt, führt diese Entdeckung, sobald die Identität bewußt wird [...], ebenso zu spielerischer Eitelkeit wie ob der vermeintlichen Realität des Gegenbildes zur Furcht vor Selbstbezauberung [...].«[1] E.T.A. Hoffmann war in besonderer Weise vom Spiegelzauber befangen, immer wieder nimmt er dieses Leitmotiv in seinen Erzählungen auf. Was mag ihn bewogen haben, in einer Zeit, in der man glaubte, alle jene Geheimnisse, mit denen die Natur im Menschen Gefühle der Geborgenheit und des Schauders zugleich erzeugt, in gleicher Weise enträtseln zu können, wie die Gaukeleien der Jahrmarktartisten, in einer Zeit, in der herausragende Physiker wie Augustin Jean Fresnel die Katoptrik revolutionierten, stereotyp auf einen solch mystizistischen Anachronismus wie die Spiegelmagie zurückzugreifen? Hoffmanns Werk ist von der Forschung so weit durchleuchtet worden wie kaum ein anderes, selbst kleinste Details, wie beispielsweise seine »entwurzelte Geistigkeit« (Arthur Gloor) oder sein »Unernst des Unendlichen« (Georg Wellenberger) haben in der Forschungsliteratur ihren Niederschlag gefunden. Es erstaunt daher nicht wenig, daß ein so wesentliches Merkmal, wie die Verwendung des Spiegels als Metapher, Allegorie oder Symbol, von kleineren Beiträgen (Robert Mühlher [1942], Ernst Fedor Hoffmann) einmal abgesehen, bisher noch keine Würdigung als zentraler Untersuchungsgegenstand einer umfangreichen wissenschaftlichen Arbeit gefunden hat. Auch Karl Olbrich verwendet nur zwei Seiten seiner Studie über Hoffmann und den deutschen Volksglauben auf das Spiegelmotiv,[2] wobei er sich darauf beschränkt, lediglich den Bestand registrierend festzustellen[3] und sich jeglicher Interpretation enthält. In Elisabeth Frenzels motivgeschichtlichem Lexikon sucht man das Spiegelmotiv vergeblich, über das Doppelgängermotiv liegt hier hingegen ein ausführlicher Eintrag vor, in dem das Spiegelbild als eine mögliche Spielart des Doppelgängermotivs dargestellt wird.[4] Das Desinteresse an diesem markanten Element hoffmannscher Dichtung mag wohl daraus resultieren, daß die Ansicht Gabrielle Wittkop-Ménardeaus, nach der »das Leitmotiv des Spiegels, des Spiegelbildes oder seines Fehlens nur eine subtile Variation des Doppelgängermotivs«[5] sei, überwiegend auf Zustimmung stößt. Die vorliegende Untersuchung soll zeigen, daß diese Beurteilung ein Irrtum ist. Im Gegensatz zu Wittkop-Ménardeau sieht Gerhard R. Kaiser gerade in der Untersuchung der »spezifischen Textmerkmale - Stil, Struktur, Metaphorik u. a. -, die es H.[offmann] erlauben, die unterschiedlichsten, historischen wie zeitgenössischen, Diskursangebote zu in besonderer Weise deutungsfähigen bzw. sinnverweigernden Gebilden zu verfugen«[6], das zweite der drei wichtigsten Forschungsdesiderate nach der Untersuchung von Hoffmanns Stellung in der literarischen Reihe und vor der Erforschung der bisher vernachlässigten und geringgeschätzten Erzählungen. Diese Lücke schließen zu helfen und zu zeigen, daß der Spiegel nicht nur dichterisches Mittel ist, um psychologische Zustände zu gestalten, wie Helga Slessarev dies für den ›optischen Wortbereich‹ E.T.A. Hoffmanns behauptet,[7] sondern daß der Spiegel vielmehr für Hoffmanns Allegorik eine Idealbesetzung darstellt, ist primäres Anliegen der vorliegenden Arbeit. Über das Doppelgängermotiv bei E.T.A. Hoffmann liegt bereits eine große Zahl von Veröffentlichungen vor.[8] Beim Spiegelmotiv handelt es sich jedoch keineswegs nur um ein bloßes Derivat des Doppelgängermotivs, sondern um ein zwar ähnlich gelagertes, mindestens jedoch gleichwertiges Motiv, das neben das des Doppelgängers tritt und dieses im Erzählwerk E.T.A. Hoffmanns möglicherweise sowohl quantitativ als auch qualitativ übertrifft. Der Spiegel ist somit für die hoffmannsche Dichtung mehr, als nur ein beliebtes Requisit.[9] Daher soll dieses Leitmotiv exemplarisch an den beiden zu den Phantasiestücken in Callots Manier gehörenden Erzählungen »Der Goldne Topf« und »Die Abenteuer der Silvesternacht« sowie an einem Spätwerk E.T.A. Hoffmanns, dem der Tradition seiner Phantasiestücke in Callots Manier nahestehenden Capriccio »Prinzessin Brambilla«, untersucht werden. Ausgehend von den Definitionen von Gerhard Kurz ist die Verwendung des Spiegelmotivs bei E.T.A. Hoffmann nicht homogen metaphorisch, allegorisch oder symbolisch. Spiegelt sich beispielsweise im »Fräulein von Scuderi« in eines frommen Engels Liebeslächeln alle Seligkeit des Himmels ab,[10] so müßte in diesem Fall aufgrund der semantischen Inkongruenz[11] der Begriffe ›Liebeslächeln‹ und ›abspiegeln‹ und der Abweichung vom prototypischen Gebrauch[12] des Wortes ›Liebeslächeln‹, das hier zu einem Spiegel wird, von einer Metapher die Rede sein, denn die Aussage läßt nur eine Deutung, die metaphorische nämlich, zu, da ein Lächeln nun einmal im eigentlichen Sinn nicht spiegeln kann. Hier unterscheidet sich die Metapher von der Allegorie, die doppeldeutig ist. Die Allegorie sagt im Unterschied zur Metapher etwas direkt und zusätzlich etwas anderes indirekt.[13] Steht hingegen in den Abenteuern der Silvesternacht Spikhers verlorenes Spiegelbild für die verlorene Identität einer Person, so wird ein abstrakter Begriff (Identität, Persönlichkeit, Seele o.ä.) in sinnlich und verstandesmäßig erfaßbarer Weise dargestellt. Hier wäre das verlorene Spiegelbild eine Allegorie, da anders als bei der Metapher, bei der eine Bedeutungsverschmelzung vorgenommen wird, hier ein Bedeutungssprung vorliegt, der sich darüber hinaus als roter Faden kontinuierlich durch den gesamten Text zieht, denn die Allegorie muß notwendig einen ganzen Text, mindestens jedoch ein Segment eines Textes, dem eine relative Eigenbedeutung zugesprochen werden kann, ausmachen.[14] Dem gegenüber ist die Metapher Binnenelement eines literarischen Textes,[15] d.h. der uneigentliche Sprechakt der Metapher bezieht sich nur auf den metaphorisierten Begriff bzw. auf den Satz, in dem die Metapher verwendet wird. Der Metapher ist also ein textueller Mikrokosmos zugeordnet, der Allegorie hingegen ein entsprechender Makrokosmos. »Die Allegorie besteht aus fortgesetzten und durchgeführten Metaphern.«[16] Wird ein Spiegel hingegen attributiv einer Person beigeordnet, wie das etwa im »Goldnen Topf« bei dem Spiegel in der Stube der alten Liese der Fall ist,[17] so ist die Verwendung des Spiegels hier als symbolisch zu bezeichnen, da der Spiegel als Zauberwerkzeug die diabolische Provenienz der alten Liese zum Ausdruck bringen soll, was durch den schwarzen Raben, der sehr effektvoll auf diesen Spiegel flattert, zusätzlich unterstrichen wird. Weil die Begriffe Metapher, Allegorie und Symbol demgemäß nicht synonym verwendet werden können,[18] trotzdem aber in bezug auf das Spiegelmotiv in Erzählungen E.T.A. Hoffmanns gemeinsam untersucht werden sollen, wird in dieser Arbeit aus Gründen der Exaktheit durchgängig der Begriff des Spiegel-Bildes verwendet werden. Die vorliegende Untersuchung soll zunächst die von Hoffmann verwendeten Spiegel-Bilder in den Texten aufsuchen und dem Leser in der Form eines Rundgangs durch ein literarisches Spiegelkabinett vorstellen. Die Texte wurden im Hinblick auf die augenfällige Häufung von Spiegel-Bildern ausgewählt. Aus Gründen der Vollständigkeit sei daher darauf hingewiesen, daß das Spiegel-Bild in anderen Werken E.T.A. Hoffmanns einen niedrigeren, mithin sogar untergeordneten Rang hat, wie etwa im »Fräulein von Scuderi«, wo außer an der bereits zitierten Stelle[19] kein weiterer Begriff mit der Zeichenfolge »Spiegel« nachzuweisen ist. Über diese Bestandsermittlung hinaus soll die vorliegende Untersuchung aber auch zeigen, wie diese Spiegel-Bilder sowohl miteinander als auch mit ihrem möglichen Ursprung in Beziehung stehen, sowie die spezifische Bedeutung des Spiegel-Bildes bei E.T.A. Hoffmann herausarbeiten. Die zwei Kernfragen dieser Untersuchung sind demgemäß: Gibt es einen durch »kulturelle Bildtraditionen«[20] motivierten Fundus von Spiegeltopoi, aus dem Hoffmann geschöpft hat, bzw. in Übertragung eines Terminus aus der Kunstgeschichte: Gibt es eine »Ikonografie« des Spiegel-Bildes in der Literatur? Warum ist Hoffmanns Affinität zum Spiegel-Bild offenbar nicht nur größer als die zu anderen magischen Instrumenten, sondern auch größer als die Neigung anderer Autoren, dieses Zauberwerkzeug in ihren Erzählungen einzusetzen? Hierfür werden die unterschiedlichsten Quellen, die Aufschluß über das Spiegel-Bild geben können, herangezogen. Diese Quellen haben überwiegend philologischen (Grabes, Mühlher, E.F. Hoffmann), philosophischen (Bollnow, Konersmann), kunstgeschichtlichen (Hartlaub), ethnologischen (Bächtold-Stäubli, Negelein), psychologischen (Jaffé, Róheim) und religionswissenschaftlichen (Beck, Burckhardt, Casel[21]) Hintergrund. Bibliographie Primärliteratur. 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[1] Bächtold-Stäubli 1938-1941, IXa, 549-550.
[2] Vgl. Olbrich (1910) 1976, 67-68. Wurde aus einer anderen als der Erstveröffentlichung zitiert, so wurde wie hier dem Erscheinungsjahr der zitierten Veröffentlichung das Erscheinungsjahr der Erstveröffentlichung in Klammern vorangestellt.
[3] Vgl. ebd., 57.
[4] Vgl. Frenzel (1976) 41992, 94-112 (passim).
[5] Wittkop-Ménardeau (1966) 121992, 40. Vgl. auch Berger 1978, 110.
[6] Kaiser 1988, 204.
[7] Vgl. Slessarev 1971, 365.
[8] Vgl. Kaiser 1988, 164.
[9] Vgl. Nehring 1976, 18.
[10] Vgl. E.T.A. Hoffmann: Das Fräulein von Scuderi<span style="FONT-SIZE: 8pt