Harmuth, Melanie: Zur Kommunikation von Obszönität : der Fall de Sade / Melanie Harmuth
Mit einem Geleitwort von Helmut Hauptmeier. - Taunusstein : Driesen, 2. Aufl. 2008. - 168 S. ; 19 cm. Zugl.: Siegen, Universität, Diplomarbeit, 2002. ISBN 978-3-86866-028-9 kart., 24,00 Euro.
Auch beinahe 200 Jahre nach dem Tod von Donatien Alphonse François Marquis de Sade erregt das literarische Werk des französischen Adligen mit dem ausschweifenden Leben noch immer Anstoß und wird mit Obsessionen, Abartigkeit und Perversion assoziiert. De Sade ist Namensgeber der psychopathologischen Klassifizierung des "Sadismus" und seither in der Alltagskommunikation untrennbar mit krankhaftem sexuellem Wahn und menschenverachtender Pornographie verbunden. Melanie Harmuth verfolgt kunst- und literaturästhetische sowie sozialgeschichtliche und literaturtheoretische Deutungsansätze, die de Sades Werk in der jüngeren Vergangenheit teilweise rehabilitiert haben. Die Autorin zeigt, dass die Definition von Obszönität stets auch von der jeweiligen gesellschaftlichen Befindlichkeit abhängt, und de Sades Gesellschaftsmodell radikaler Libertinage und schrankenloser Allmachtsphantasien vor diesem Hintergrund auch unter dem Gesichtspunkt einer fundamentalen Opposition gegen die im 18. Jhdt. entstehenden Normen und Werte des Bürgertums betrachtet werden kann. Die Autorin: Jahrgang 1976; Abitur; Studium der Medien-Planung, -Entwicklung und -Beratung an der Universität Siegen; Diplom-Medienwirtin. Melanie Harmuth lebt und arbeitet als PR-Beraterin in Düsseldorf.
Geleitwort Der Marquis de Sade geistert auch durch die postmoderne Gesellschaft. Wie leicht fällt es doch, alltägliche Formen von Perversion und Menschenrechtsverletzung, von Demütigung und Ausübung krudester Gewalt abzutun mit Verweis auf Atavismen oder naturgegebenen Sadismus. Die Taten selbst, ob in irakischen oder amerikanischen Gefängnissen oder bei der Ausbildung von Bundeswehrrekruten, müssen uns hier weniger interessieren als vielmehr ihre Verarbeitung im Diskurs, als die Suche nach Zuordenbarkeiten, Zurechenbarkeiten und Erklärungen für das "Böse". Der Marquis bietet sich hier immer wieder an als Referenz und Paradigma. Im alltäglichen Diskurs, wohlgemerkt. Schließlich durchläuft das de Sade\'sche Werk jenseits davon auch den Literaturbetrieb. Und hier trifft es seit dem 18. Jahrhundert auf andere Kategorien, auf andere Referenzen. Von der Schönheit des Obszönen, vom Ergötzen am Grauen, von Libertinage und einer radikalen Befreiung des Ichs vom Wir ist die Rede. Unter den Regeln des Kunst- und Literatursystems öffnen sich die Texte gänzlich anderen Wahrnehmungen und Bewertungen. Es kann daher nicht die Frage sein, auf wessen Seite denn die richtige, wahre Interpretation liegt. Behalten wir fürs erste einmal beide im Auge und bemühen uns um eine Grenzüberschreitung, eine Transgression, wie Melanie Harmuth schreibt. Vielleicht kommen wir damit einen Schritt weiter in unserem Verständnis für ein Phänomen, das wohl niemanden ungerührt lässt, für die Schriften des Marquis de Sade. Melanie Harmuth legt eine kommunikationssoziologische Arbeit vor, in der sie - zentriert auf Leben und Werk des Marquis de Sade - den komplexen Vernetzungen von Gesellschaft, Ästhetikkonzeptionen, Moral- und Freiheitsbegriffen nachgeht. Unsere Autorin weist nach, wie sich über die Jahrhunderte die Interpretation der Werke zwischen Libertinage und Obszönität bewegt und dabei der Kategorie des Obszönen aus kunst- und literaturästhetischer Perspektive der Primat zuwächst. Erst in einer Synthese von sozialgeschichtlichem Kontext, der de Sade als feudal-aristokratischen Reaktionär sehen muss, und einem spezifischen ästhetischen Diskurs, der Protest, Libertinage oder Phantasie fokussiert, ja radikalisiert, wird die de Sadesche Grenzüberschreitung greifbar, so die Verfasserin. Das Material und die Rekonstruktionen der Diskurse (von Sexualwissenschaft, über Kunst und Philosophie hin zu Gesellschaft), die dieser Synthese zugrunde gelegt werden, sind sorgfältig zusammengestellt, stets auf den Punkt gerichtet und überaus lesenswert. Durch die Vielzahl der in Anschlag zu bringenden Konzepte - Obszönität, Sadismus, Pornographie, Imagination, Libertinage etc. - navigiert uns unsere Autorin mit sicherer Hand. Von Beginn an betont sie, dass die Rezeptionsgeschichte, trotz aller Wechsel, über die Leitschiene der Kommunikation von Obszönität führt, sich Kommunikation also mit dem von ihr selbst Ausgegrenzten beschäftigt. Das mag kompliziert klingen, gründet aber auf dem durchaus nachvollziehbaren Grundgedanken, dass Kommunikation genau wie alles andere, was auf Begriffe abstellt, immer eine Unterscheidung voraussetzt und vollzieht. Dieses Andere, die andere Seite der Unterscheidung, lässt sich der Kommunikation ihrerseits zwar öffnen, negiert damit aber zugleich diese vorgängige Kommunikation. Wer das Böse hat, kann das Gute nicht haben und umgekehrt; anderenfalls setzte er sich Vorwürfen wie Widersprüchlichkeit oder Inkonsistenz aus. Diese leitende Idee integriert Melanie Harmuth in das Konzept der Transgression, das im kunsthistorischen Diskurs weiter erläutert und legitimiert wird, aber eben nicht ohne den realgeschichtlichen Hintergrund bleiben kann. Diesen Hintergrund fasst die Autorin im Begriff der libertinen Subgesellschaft, der geprägt ist von einem überspannten Naturbegriff, von Atheismus und Negation. Es sei gestattet, dazu anzumerken, dass sich zumindest Zeichen einer solchen Flucht vor der modernen Technologie-getriebenen Gesellschaft auch heute leicht ablesen lassen, allerdings wohl anders als beim Marquis nunmehr inklusive einer Negation von Lust und Sexualität. Was von einer libertinen Subgesellschaft zu halten ist, lesen Sie bitte selbst. Siegen, im Dezember 2004 Dr. Helmut Hauptmeier
Vorwort
Diese Arbeit wurde im Oktober 2002 vom Prüfungsausschuss des integrierten Diplomstudienganges Medien-Planung, -Entwicklung und -Beratung am Fachbereich für Sprach-, Literatur- und Medienwissenschaften an der Universität Siegen als Diplomarbeit angenommen. Dass sie nun als Buch vorliegt, ist dem Engagement des Verlages Dr. H. H. Driesen zuzuschreiben, für das ich mich an dieser Stelle bedanken möchte. Mein Dank gilt dem Betreuer der Arbeit, Herrn Dr. Helmut Hauptmeier, für unzählige Gespräche, moralische wie fachliche Unterstützung und die Bereitschaft, den Mut und das Interesse, sich auf dieses für einen medienwissenschaftlichen Studiengang eher unübliche Thema einzulassen. Dasselbe gilt für den Zweitgutachter Herrn Dipl.-Soz. Raimund Klauser. Eine Abschlussarbeit zu verfassen, ist eine echte Herausforderung, und ich möchte allen mir nahestehenden Menschen danken, die mich durch diese von Stimmungswechseln durchsetzte Zeit begleitet und mich unterstützt haben - sei es durch Anregung oder Ablenkung, durch Korrekturlektüre oder einfach die Vermittlung des Gefühls, das Richtige zu tun. Düsseldorf, im Dezember 2004 Melanie Harmuth Aus dem Inhalt
Geleitwort Vorwort Inhaltsverzeichnis 1 Einleitung 1.1 Warum de Sade? 1.2 Aufbau der Arbeit 2 Formen der Kommunikation bei de Sade 2.1 Obszönität 2.2 Pornographie 2.3 Sexualität 2.4 Das Böse 3 Das Leben des Marquis de Sade 3.1 Die Jugend 3.2 Die Affären 3.2.1 Die Jeanne-Testard-Affäre 3.2.2 Die Rose-Keller-Affäre 3.2.3 Die Affäre von Marseille 3.3 In Haft 3.4 Revolutionäres Engagement 3.5 Die letzten zwanzig Lebensjahre 4 Feudalaristokratische Libertinage und bürgerliche Moral 4.1 Literaturgeschichtliche Aspekte der Libertinage 4.2 Sozialhistorische Aspekte der Libertinage 4.3 Der libertine Liebesbegriff 4.4 Kollision der Libertinage mit der bürgerlichen Moral 5 De Sades libertine Subgesellschaft 5.1 Die Paradoxie der negierten Religion und der Natur 5.2 Transgression und Imagination 5.3 Souveränität, Apathie und Einsamkeit 5.4 Die Rolle der Frau 5.5 Das libertine Orgiengeschehen 6 Von der Libertinage zur Obszönität Literaturverzeichnis Primärliteratur Sekundärliteratur
1 Einleitung
1.1 Warum de Sade? Wer den Namen Marquis de Sade (1740-1814) hört, assoziiert in aller Regel Abnormität oder Monstrosität, oft schon weil der- oder diejenige einmal einen seiner Romane gelesen hat - vielleicht selektiv, wenn überwiegend nur die Abschnitte erinnert werden, in denen dezidiert und mit viel Liebe zum Detail sexuelle Praktiken dargestellt werden. Die sich über weite Strecken zwischen den sexuellen Szenen findenden politischen, philosophischen und gesellschaftstheoretischen Reflexionen de Sades werden in einer privaten, nicht-wissenschaftlichen Lektüre sehr wahrscheinlich vernachlässigt bzw. unterschlagen. Aber gerade die Abhandlungen im Stile des Aufsatzes "Franzosen, noch eine Anstrengung, wenn ihr Republikaner sein wollt" innerhalb des Romans "Die Philosophie im Boudoir"1 passen nicht zur selektiven Konstruktion des Pornographen. Nicht zuletzt weil seine Romane lange Zeit zensiert und deshalb mit der Aura des Verbotenen behaftet waren, hat sich über die Jahrhunderte die Einordnung de Sades als Pornograph verfestigt, auch wenn vor allem seit dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts die Verbindung von de Sade mit der Pornographie in der professionellen, wissenschaftlichen Lektüre und Interpretation zugunsten des philosophischen Gehaltes des Werkes in Frage gestellt und widerlegt wird. In dieser Arbeit wird im Anschluss an die wissenschaftliche Widerlegung des Pornographen-Konstruktes grundsätzlich die Auffassung vertreten, dass de Sade nicht als Pornograph zu verstehen ist, sondern dass er in seinen Romanen eine rezeptionsgeschichtlich nachhaltige Kommunikation von Obszönität betreibt. Pornographie ist in ihrer Wirkung stets räumlich und zeitlich begrenzt, sie wirkt nur momenthaft und bleibt auf die sie konstituierende Sinnlichkeit beschränkt, und so wäre de Sade als Pornograph über den Status eines zeitgenössischen Skandalautors nicht hinausgekommen und im Laufe der Jahrhunderte vergessen worden. Dass er auch fast 200 Jahre nach seinem Tod noch Bestandteil der gesellschaftlichen Auseinandersetzung ist, die vornehmlich über wissenschaftliche Diskurse geleistet wird, verweist deutlich darauf, dass seine Romane der Obszönität zuzuordnen sind. Denn das Obszöne als das gesellschaftlich Ausgegrenzte, als das die Gesellschaft mit ihren eigenen Grundlagen und Grenzen Konfrontierende, beschäftigt die Kommunikation, also die Gesellschaft, nicht nur zum Zeitpunkt seines Auftretens, sondern so lange, wie die das Obszöne kennzeichnenden Grenzüberschreitungen als solche wahrgenommen werden. Dieses Verständnis de Sades als Überschreitungsdenker, der gesellschaftliche Grenzen aufzeigen und anprangern will, setzt erst mit dem zunächst kunst- und diesen später fortführenden literaturästhetischen Diskurs im 20. Jahrhundert ein. Erst im 20. Jahrhundert waren Kunst und Gesellschaft bereit, de Sade, der in seinen Romanen die Menschen, die Religion und die Gesellschaft in der Form, in der sie sich ihm darbietet, negiert, in einen kunstästhetischen Diskurs einzubinden und aus diesem heraus seine Negationslogik als ästhetische, obszöne Überschreitung zu legitimieren und nachvollziehbar zu machen. Anhand dieses Konzeptes der de Sadeschen Kommunikation von Obszönität als Transgression wird es möglich, die die Jahrhunderte überdauernde Skandalwirkung des Autors zu erklären: Er thematisiert das gesellschaftlich Tabuisierte, spricht das Unaussprechliche aus, und seine Forderungen, etwa die nach polygamer und von der Fortpflanzungsfunktion entbundener Sexualität, stellen eben nicht nur für die im 18. Jahrhundert sich etablierenden moralischen Vorstellungen des Bürgertums, sondern auch für die im 21. Jahrhundert gültigen Normen eine Provokation dar. Um nachvollziehen zu können, welche Werte de Sade verletzt hat und immer noch verletzt, ist es unerlässlich, die soziale Realität im Frankreich des 18. Jahrhunderts ausführlich zu schildern. Nur durch Kenntnis des sozialhistorischen Hintergrundes des gesellschaftlichen Umbruches, im Zuge dessen das Bürgertum die Feudalaristokratie ihrer Vormachtstellung beraubt und für sich selbst beansprucht, wird es möglich, die de Sadeschen Überschreitungen als solche zu erfassen. Beschränkte sich die Darstellung von de Sades Kommunikation von Obszönität auf den ästhetischen Diskurs, würde sie ihrer konkreten Grundlage, des Gegenstandes, auf den sich die Überschreitungen beziehen, verlustig gehen. Deshalb bringt diese Arbeit den biographisch-historischen Hintergrund der Romane de Sades mit ihrem ästhetischen Überschreitungsgehalt zusammen. Indem mit der sozialhistorischen Realität und der ästhetischen Obszönität zwei unterschiedliche wissenschaftliche Diskurse zusammengeführt werden, wird auch eine bzgl. der diskursanalytischen Interpretation de Sades bestehende Grundproblematik gemindert; denn de Sade lässt sich immer nur um den Preis der Reduktion auf die für den jeweiligen Diskurs relevanten Einzelaspekte wissenschaftlich auswerten. Kein Diskurs kann für sich allein beanspruchen, das Phänomen de Sade in seiner Gesamtheit zu erfassen. De Sade thematisiert in seinen Romanen das zu seinen Lebzeiten gesellschaftlich Ausgegrenzte und solchermaßen Obszöne und ist deshalb selbst Bestandteil dieses Ausgegrenzten geworden. In diesen Sphären des Obszönen wird de Sade so lange verharren, bis die Gesellschaft sich derart weiterentwickelt hat, dass die von ihm aufgestellten Forderungen und geschilderten Sexualpraktiken keine Provokationen, keine "Perversionen", die seit der medizinisch-pathologischen Klassifikation des Sadismus Ende des 19. Jahrhunderts als solche gelten, mehr darstellen. De Sade provoziert noch immer und ist auch im 21. Jahrhundert obszön, weil seine Tabubrüche heute noch als solche wirksam sind; als obszöner Überschreitungsdenker stellt de Sade auch im 21. Jahrhundert eine Bedrohung für die auf verbindlichen Werten beruhende Gesellschaft dar. Diese Arbeit verfolgt das Ziel, kommunikationswissenschaftliche Wege des Zuganges zu den Werken de Sades aufzuzeigen. Die Stellung der Sexualität - und die sexuellen "Stellungen" - innerhalb der Romane de Sades sind zu wichtig, als dass sie hierfür einfach ausgeblendet werden könnten, aber diese sich bisweilen dem Pornographischen annähernden Sequenzen werden in Zusammenhang mit den philosophischen Intentionen des Autors gebracht und aus diesem Kontext heraus erklärt. Denn Sexualität und Philosophie sind bei de Sade nicht zu trennen, die eine Komponente kann nicht unabhängig von der anderen betrachtet werden, sie bedingen einander und belegen sich gegenseitig. Durch die wechselseitige Abhängigkeit kann das de Sadesche philosophische Konstrukt nicht der Schilderung sexueller Szenen entbehren, ebensowenig wie die eingangs kritisierte einseitige Rezeption der pornographischen Sequenzen ohne Berücksichtigung der rational-legitimatorischen Reflexionen zulässig ist. Die zentrale Frage, die de Sade beharrlich und auf seine Weise zu beantworten sucht, ist die nach der Situation des einzelnen Menschen in der Gesellschaft. Er eruiert, worauf ein für alle verbindliches Gemeinwesen mit entsprechenden Werten und Normen begründet wird, deckt die Bruchstellen dieses Zivilisationsprozesses auf und raubt, durch seine Desillusionierung und Demaskierung, jeglicher Form von Moral die Grundlage. Daraus resultiert de Sades schlechter Ruf, und damit lässt sich auch erklären, warum er nicht nur unter einer Regierung, sondern unter drei aufeinander folgenden, völlig unterschiedlich geprägten politischen Herrschaftsformen - dem Ancien régime2, der Revolutionsregierung und schließlich dem Konsulat Napoleons - für insgesamt 27 seines 74 Jahre währenden Lebens im Gefängnis saß. De Sade war ein extremer Mensch mit extremem Denken, aber kein Wahnsinniger. Im Verlaufe dieser Arbeit soll nachgewiesen werden, dass er zu Unrecht dämonisiert wurde und wird, dass er keine profane Pornographie verfasst hat und dass de Sade, wenn schon nicht als Philosoph, so doch wenigstens als "Pornosoph" zu lesen und zu verstehen ist. De Sades Romane erfüllen, wie im Einzelnen gezeigt werden wird, Kriterien der Obszönität, sie lassen sich dem Obszönen zuordnen und sind mithin unter dem Sujet der "Kommunikation von Obszönität" erfassbar, nicht jedoch unter dem der Pornographie. 1.2 Aufbau der Arbeit Zunächst soll grundlegend geklärt werden, welche Art von Kommunikation de Sade leistet. Dazu ist in einem ersten Schritt eine Klärung der Begrifflichkeiten "Obszönität" und "Pornographie" erforderlich, denn die verschiedenen Ansätze zur Abgrenzung des Obszönen vom Pornographischen ermöglichen eine erste Einordnung der Person und Werke des Marquis de Sade. Daran anschließend wird die spezifisch de Sadesche Kommunikation von Sexualität erörtert. Schließlich wird anhand von theoretischen Ansätzen, die das Böse fassen und kategorisieren wollen, eruiert, ob de Sade seine Kommunikation in den Dienst des Bösen stellt. In dem darauf folgenden Kapitel wird der Mensch de Sade vorgestellt. Die Kenntnis der Biographie des Donatien Alphonse François Marquis de Sade ist unerlässlich für das Verständnis seiner Schriften. Wir haben uns auf die wesentlichen Vorkommnisse beschränkt, für den Nachvollzug der Ereignisse in allen Details sei auf die umfangreichen Werke zum Leben de Sades verwiesen.3 Der zeitgenössische Hintergrund des Lebens de Sades wird in einem eigenen Kapitel beleuchtet. De Sades generelle Gesinnung und sein spezifisches Überschreitungsdenken können nur durch Kenntnis der Formen des adligen Lebens im 18. Jahrhundert verstanden werden. Zentral ist hier der Begriff der Libertinage, die sowohl eine im 16. Jahrhundert entstehende Literaturgattung als auch eine feudalaristokratische Geisteshaltung bezeichnet. Letztere ist durch sexuelle Offenheit gekennzeichnet und steht darin dem christlichen Moralverständnis ebenso entgegen wie der gegen Ende des 18. Jahrhunderts sich etablierenden restriktiven Moral des gesellschaftlich an Einfluss gewinnenden Bürgertums. Es geht hier dann letztlich um die Kollision von de Sades libertinem Denken, das in seine Romane einfließt, mit dieser bürgerlichen Moral. Vor diesem Hintergrund werden in der Folge die Ausprägungen der de Sadeschen libertinen Gesinnung in seinen Werken untersucht. De Sade entwirft eine libertine Subgesellschaft, deren zentrale philosophische Ausgangspunkte der von ihm zugrunde gelegte und ins Extrem gesteigerte materialistische Naturbegriff, der Atheismus und die Negation darstellen. De Sade negiert Gott und die Menschen im Namen der Natur, und es wird gezeigt, dass diese Negationen nicht frei von Paradoxien sind. Aus der Ablehnung christlicher wie bürgerlicher Normen und Werte leitet sich das de Sadesche Überschreitungsdenken, die Transgression, ab, und auch dieses enthält Widersprüchlichkeiten. Die für die Transgression notwendige Gefühlskälte, die Apathie, ist auch Bestandteil der de Sadeschen Souveränität, die für seine Figuren nur um den Preis der Einsamkeit zu erlangen ist. Aufschlussreich sind de Sades weibliche Figuren, an deren Denken und Handeln sich de Sades ambivalentes Frauenbild ablesen lässt. Zuletzt wird das sexuelle Orgiengeschehen der libertinen Subgesellschaft unter den Gesichtspunkten der Abgeschlossenheit, der Ordnung, der maschinellen Arbeitsweise und der Sprache als Demarkationslinie zwischen libertinem Henker und tugendhaftem Opfer analysiert. Anhand all dieser Komponenten der libertinen Subgesellschaft lässt sich de Sades Philosophie anschaulich nachvollziehen. Denn die fiktiven de Sadeschen Libertins handeln so, wie es dem philosophischen Denken des Autors entspricht: De Sade ist der Bauchredner, dessen Stimme man hört, wenn er seine libertinen Romanfigur-Marionetten interagieren lässt. Das Schlusskapitel liefert einen zusammenfassenden Überblick über die unterschiedlichen Diskurse, anhand derer sich dieser libertinen Stimme de Sades im Verlaufe der Jahrhunderte in der wissenschaftlichen Rezeption angenähert wurde. De Sades Philosophie erfährt eine sich wandelnde Adaption durch verschiedene wissenschaftliche Diskurse, an deren Beginn der Zugang zu de Sades Werk unter sozialhistorischen und medizinisch-pathologischen Aspekten steht und deren andauerndes Ende die Annäherung unter kunst- bzw. literaturästhetischen Gesichtspunkten der Obszönität bildet.
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1 Sade (o. J.), S. 195ff. 2 Das Ancien régime umfasst die Regierungszeit Ludwigs XV. und XVI. Es beginnt 1715 mit der Thronbesteigung Ludwigs XV. und endet 1789 mit der Französischen Revolution. Vgl. Prange (1990), S. 15. 3 Vgl. Bloch (1970); vgl. Drach (1974); vgl. Lely (2001); vgl. Lever (1995).