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    Hurth, Elisabeth: Mythos Arzt? / Elisabeth Hurth

Taunusstein : Driesen, 2. Aufl. 2008 (Driesen Zoon Politikon). - 129 S., Abbildungen, 19 cm. ISBN 978-3-86866-080-7, Softcover, 12,80 Euro
In der Berichterstattung über das Gesundheitswesen häufen sich Meldungen über knapper werdende Ressourcen, überlastete Ärzte, benachteiligte Kassenpatienten, Ärztemangel, Behandlungsdefizite und Klinikschließungen. Trotz der aktuellen Umstrittenheit der Ärzte im (kranken) Gesundheitssystem spiegeln Arzt- und Krankenhausserien im Fernsehen die nach wie vor hohen Erwartungen hinsichtlich Heilung und Heil, die an Ärzte herangetragen werden.
Elisabeth Hurrth geht der Frage nach, welche grundsätzlichen Vorstellungen von Krankheit, Gesundheit und Heil(ung) durch mediale Inszenierungen vermittelt werden. Es zeigt sich: Der "Mythos Arzt" wird in der TV-Serienwelt sowohl fortgeschrieben als auch destruiert. Insgesamt bleibt das positive Image des Arztes erhalten, mag der Arzt in der Realität auch noch so sehr als Sklave in Weiß oder gestürzter, entmythisierter Halbgott erscheinen. Zwar stellen viele Serien Ärzte zunehmend als Menschen mit Fehlern und Schwächen dar, doch es überwiegt letztlich das Bild des einfühlsamen, kompetenten Übermenschen, der als Seelendoktor und guter Samariter profiliert wird. Die Seelendoktoren der neuen Schwarzwaldklinik und der vertrauenswürdige Landarzt aus der gleichnamigen ZDF-Serie sind weiterhin quotenmäßig Spitzenreiter und machen das Kranke, Unheile und Schwache in der Welt zumindest für die Dauer einer Serienfolge vergessen.
Die Autorin: Jahrgang 1961: Studium in Mainz und Boston;Promotion 1988 (Boston) und 1992 (Mainz); Sprachlehrerin, Lerntherapeutin und Publizistin in Wiesbaden.
Einleitung

Seit Jahren ist im Fernsehen ein Ärzte-Boom zu beobachten. Bis zu 20 Serienfolgen des Genres Arzt- oder Krankenhausserie flimmern Woche für Woche über den Bildschirm. Die Inflation solcher Serien hängt ohne Zweifel mit den Entwicklungen im Gesundheitssystem zusammen. Wenn Absicherungsgefühle schwinden, Leistungen abgebaut und private Zuschüsse eingeklagt werden, wächst das Bedürfnis nach verlässlichen "Halbgöttern in Weiß" mit der Lizenz zum Heilen. Die Veränderungen im Gesundheitssystem haben das hohe soziale Prestige des Arztes nicht angetastet. Andere Berufsgruppen sind da schlechter dran. Politiker werden nicht mehr ernst genommen, Lehrer gelten als überfordert, Professoren als redselige Luftblasen. So scheint der Arzt der letzte Vertreter des Akademikerstandes zu sein, der das Bedürfnis nach Vorbildlichkeit noch befriedigt. Genau darauf sind viele Weißkittel-Serien abgestimmt. Der TV-Arzt ist der Vertraute von Schmerz und Tod, allseits wissend, entscheidungssicher, fast immer erfolgreich und stets Optimismus ausstrahlend, auch wenn die Gefahr des Todes droht oder eine Amputation oder Herztransplantation bevorsteht. Der Arzt erscheint als bedingungsloser Helfer, von dem der Patient abhängig ist. Mehr noch: Er wird als Inkarnation des großen Retters gesehen, von dem Bedürfnis getragen, alles menschliche Leid zu beheben.
In Zeiten einer Krise des Gesundheitssystems kann sich diese mediale Inszenierung des Mythos Arzt in der Realität nicht mehr unangefochten durchsetzen. Das Bild des Arztes ist heute in der öffentlichen Wahrnehmung durch zwei gegenläufige Entwicklungen bestimmt: Zum einen das Festhalten am traditionellen und in Serien wie In aller Freundschaft (ARD) medial transportierten Helden in Weiß, zum anderen das Aufkommen moderner Sklaven im weißen Kittel, niedergedrückt durch skandalöse Arbeitsumstände, erodierende Sozialsysteme und völlige Überlastung. Die letztere Entwicklung zeigt sich in Serienproduktionen wie Emergency Room (Pro 7), in denen Ärzte oft wie Medizin-Technokraten in einem den Einzelnen überfordernden Krankensystem agieren. Hinsichtlich seines Nimbus als "Halbgott in Weiß" wird der Arzt hier entmythisiert. Eine solche Entmythologisierung ergibt sich auch aus dem neuen Aufbegehren des Arztes gegen seinen Sklavenstatus im kranken Gesundheitssystem. Die massiven Ärztestreiks der letzten Zeit beenden den Mythos vom Arzt als charismatischem Heiler, der sich mit selbstlosem Einsatz den Kranken widmet. Vor allem junge Ärzte sind heute offensichtlich mehr an guten Arbeitsbedingungen und attraktiver Vergütung interessiert. In der TV-Welt hat dieser Arzttypus noch nicht dominant Einzug gehalten. Eine Inhaltsanalyse der wichtigsten Sendungen des Genres Arztserie zeigt: Viele Serien bedienen nach wie vor den Mythos von der Allmacht der Ärzte. Zwar werden sie zunehmend auch als Menschen mit Fehlern und Schwächen vorgestellt, doch es überwiegt insgesamt das Bild des einfühlsamen, kompetenten Übermenschen, der das Wohl seiner Patienten über das eigene Leben stellt - bis hin zur völligen Erschöpfung und Selbstaufgabe und ohne Rücksicht auf sein Privatleben.
In den Fernsehmärchen à la Schwarzwaldklinik (ZDF) steigen die Götter in Weiß unbehelligt in den Olymp auf. Als Heroen des Alltags lösen sie die gesundheitlichen und privaten Probleme ihrer Patienten. In dieser besonderen Auflösung von Problemen zeigt sich ein bestimmtes Krankheitsverständnis. In ihrem Wesen ist Krankheit vom Tod her zu verstehen, dessen Überwindung dem Menschen nicht gegeben ist. Der letzte Sinn der Krankheit ist daher ihre Überwindung durch Gott, die Erlösung des kranken Leibes und seiner "Verlorenheit" durch Gottes Neuschöpfung (Röm 8, 21). In der Serienwelt verschieben sich religiöse Bindungen vielfach auf den Arzt selbst. Er wird als Archetyp des Heilers schlechthin gesehen.
Traditionelle Heilserwartungen haben in diesem Rollenverständnis ausgedient. Der vom Christentum postulierte Zusammenhang von Heil und Weltende ist zu einem fernen Gedanken geworden. Die Abkehr von einem geschichtstranszendenten Heil bedeutet jedoch nicht den Abschied von jeglicher Heilsgeschichte. Die Loslösung vom christlichen Heilsverständnis geht vielmehr mit einem dezidierten Heilspathos einher. Es zeigt sich in verschiedenen Heilsprogrammen, vor allem in Utopien des medizinischen Fortschritts. Dabei verlagert sich das Heil vom göttlichen auf das menschliche Subjekt. Der Mensch nimmt die Rolle des Schicksals seiner selbst an. Das Heil wird zu etwas Produzierbarem. Es ist nicht länger von der Gnade Gottes abhängig und steht nicht länger unter dem Vorbehalt, dass endgültige Heilung letztlich auf Erden nicht möglich ist.
In den fernsehmedialen Konstellationen wird deutlich: Es ist zunehmend die Gesundheit selbst, in der man das Heil sieht. Gesundheit wird zum Wert an sich, dem man zudem eine Antwort auf die Sinnfrage menschlicher Existenz zuschreibt. Gesundheit wird so zum Kultobjekt, sie weist immer mehr quasireligiöse Merkmale auf. Die Medizin avanciert dabei zum Sinnanbieter der Gesellschaft. Sie gewinnt eine beträchtliche Deutungsmacht über Fragen der Lebensgestaltung, die in der Vergangenheit Kirche und Religion zukam. Im Rahmen der Säkularisierung hat die Medizin zudem Erwartungen nicht nur der Heilung, sondern auch des Heils zugewiesen bekommen. Der Arzt tritt als eine Art säkularisierter Priester auf, sein Handeln kommt einer Glaubenslehre gleich, seine Heilkunst einer Heilslehre.
Die vorliegende Studie geht der Frage nach, welche grundsätzlichen Vorstellungen von Krankheit, Gesundheit und Heil(ung) durch mediale Inszenierungen vermittelt werden. Dabei sollen die Beziehungen zwischen Heil und Heilung, Gesundheit und Krankheit auch im Kontext eines medialen-theologischen Zugangs betrachtet werden. Wie eng gehören - in biblisch-christlicher aber auch in medialer Sicht - Heil und Heilung zusammen? Befördern fernsehmediale Konstruktionen die religiöse Verknüpfung von Heilung und (Seelen-)Heil? Hat Heil notwendig Heilung zur Folge? Hat Heil also auch eine sanative Komponente? Können die "Halbgötter in Weiß" "nur" Heilung erzeugen oder auch Glück und Heil? In welcher Hinsicht ist der TV-Arzt überhaupt ein "Halbgott in Weiß"? Wird der "Mythos Arzt" in der Serienwelt fortgeschrieben oder destruiert?
Die Vorstellungen davon, was Heil und Heilung für den Einzelnen bedeuten, spiegeln sich in medialen Inszenierungen, die das Arztbild religiös aufladen. Dies ist weder ein neuer noch ein nur spezifisch medienvermittelter Vorgang. Die Überhöhung des Arztes, die geradezu religiöse Reverenz, die ihm entgegengebracht wird, hat eine lange Tradition. In archaischen Kulturen war der Arzt ein Weiser, ein Heiler mit Vorbildfunktionen. Sein medizinisches Handeln war keine rein handwerkliche Tätigkeit, sondern stets auch an religiöses Handeln gebunden. Entsprechend wurde die Medizin von Personen ausgeübt, die auch eine religiöse Rolle innehatten. Hierher gehört der "Medizinmann", der eher einem Priester als einem heutigen Arzt ähnelte. Mit der Entwicklung höherer Kulturen bildete sich das Gesundheitswesen weiter aus. Auch dies entstand zunächst aus der Priesterschaft. Medizin war mehr eine Priesterwürde als eine Wissenschaft. Der antike Tempelbereich war Kultstätte der Anbetung und zugleich Heilstätte für die Kranken. Im Christus-medicus-Motiv der mittelalterlichen Medizin setzte sich die Identifizierung von Priester und Arzt fort. In der Ärzte-TV-Landschaft von heute zerfällt diese Einheit in ein naturwissenschaftlich orientiertes Arztverständnis einerseits und in ein bisweilen spiritualistisch durchtränktes Heiler-Verständnis andererseits, in der Heilung zu einer vom christlichen Glauben losgelösten individuellen Therapieform wird.
Ein reiner Maschinist der Medizin wird der Arzt dabei jedoch nicht. Als  TV-Seelendoktor weiß er um die inneren und äußeren Dinge, die bedrohen und krank machen und kann sie abwenden oder wegnehmen. Er vermittelt so ein notwendiges Maß an Sicherheit, Vertrautheit und Orientierung. In einem derartig erhöhten Arztbild rückt der "Halbgott in Weiß" zu einem Quasi-Seelsorger auf, der in erster Linie eine moralische Instanz darstellt. In Zeiten, in denen die christliche Religion zunehmend an Prägekraft verliert und der christliche Wertekanon verkehrt wird, ist es nur ein kleiner Schritt vom Mann im weißen Kittel zum Mann im schwarzen Rock. In die Rolle des Quasi-Seelsorgers rückt der Arzt aber nur dann, wenn er nicht als "Halbgott in Weiß", sondern als wirklicher Helfer, Lebensberater und Heiler auftritt. Wie ein Seelsorger soll er in diesen Funktionen Sinngeborgenheit in Zuwendungen und Verhaltensregeln vermitteln.
Auch diese Inszenierung des Arztes als Quasi-Seelsorger verändert traditionelle Krankheitsauffassungen. Der gläubige Kranke ruft im Gebet Gott um Hilfe an. Er weiß um sein gegenwärtig erfahrenes Unheil und hofft doch auf das von Gott verheißene Heil. Er vertraut auf die helfende Gegenwart Gottes und erwartet seine "Herrlichkeit" (Röm 5, 1-5; 8, 19-21). Aus dieser Hoffnung heraus kann er fähig werden, die Krankheit zu ertragen. In der TV-Serienwelt setzt der Kranke seine Hoffnung auf den Arzt als Heiler und Retter. Er ruft den Arzt als Seelendoktor um Hilfe an, der ihm einen guten Ausgang der Krankheit verheißt. Er bekommt von ihm Fürsorge, Sicherheit und Vertrauen und erhält damit nicht nur medizinische Hilfe, sondern auch Lebenshilfe. Diese Lösungsmodelle können für die Zuschauer eine Orientierung im Alltag sein. Die zumeist wertkonservative, moralisch instruierte Haltung des TV-Seelendoktors entspricht grundsätzlich dem Zuschauerbedürfnis nach einer medienvermittelten Geborgenheit. Der vom Fernsehen inszenierte Mythos von Heil und Heilung durch Seelendoktoren und Lebenshelfer bietet die von vielen Zuschauern gesuchten "durchschnittlich ersehnten Verlässlichkeiten" (Norbert Schneider) und lässt das Medium zu einer Agentur des letzten Vertrauens werden, die das Kranke, Unheile und Schwache in der Welt zumindest für die Dauer einer Serienfolge vergessen macht.
Aus dem Inhalt:
Vorwort
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Ärzte in Serie: Annäherungen an ein TV-Genre
Zur Entwicklungsgeschichte der Arztserie
Fernsehärzte und das Arztbild der Zuschauer
Patient Gesundheitssystem
II. Der Seelendoktor
Lebensberater und Lebenshelfer
Der gute Samariter
Ein Arzt für Leib und Seele
III. Auf Leben und Tod
Der medikalisierte Tod
Der Mythos der Lebensrettung
Vom Tod zum Leben
IV. Krankheit als Metapher
Krankheit und Sünde
Zwischen Gesundheit und Krankheit
Krankheit als Schicksal
V. Auf dem Weg zur Gesundheitsreligion
Der Anspruch auf Gesundheit
Gesundheit und Heil
Gesundheit und Schönheit
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